Tokio erleben – Teil 1: Masken und Melodien

Waren wir damals wirklich in Tokio, oder war es nur ein bunt blinkender Traum in einer dieser zu kurzen Nächte voll Sorge und Erschöpfung?  Zu jener Zeit steckten wir in einem extrem anstrengenden Lebensabschnitt, der kein Innehalten und kein Nachdenken zuließ. Den Flug nach Tokio hatten wir erst zwei Tage zuvor gebucht und gleich nach unserer Rückkehr hatten wir auch schon wieder ganz andere Sorgen. So maße ich mir nicht an, die Stadt wirklich beschreiben zu können. Ich kann nur einige meiner Eindrücke zusammenfassen – so surreal und verworren sie sich mir in dieser einen Woche entgegengeworfen haben.

 

Die chirurgischen Masken

Oh Gott, ist hier etwa eine Seuche ausgebrochen? Natürlich nicht, und ich wusste ja auch vorher, dass es in Japan völlig normal ist, in der Öffentlichkeit einen Mundschutz zu tragen. Dennoch kann ich mich eines beklemmenden Gefühls nicht erwehren. Meinem Unterbewusstsein signalisieren die Masken: Krankenhaus, Notfall, Gefahr. Damit tragen sie für mich mehr zum Gefühl von Fremdheit bei als etwa die japanischen Schriftzeichen auf den Schildern. „Ich fühle mich wie beim Zahnarzt“ sagte Mister Kalabrien, als wir zum ersten Mal mit einem Maskenmann im Aufzug standen. Angeblich tragen die Japaner den Mundschutz, um ihre Mitmenschen nicht anzustecken, wenn sie erkältet sind. Wenn aber tatsächlich alle Leute mit Mundschutz krank wären, dann würde das allein schon die Wirkungslosigkeit der Maßnahme bezeugen, denn man sieht so viele von ihnen. Wahrscheinlich tragen viele die Maske auch nur zur Vorbeugung. Eine Maske im Gesicht zu haben ist hier so normal wie eine Brille auf der Nase. Es hält niemanden davon ab, mit seinen Freunden zu lachen oder seinem Partner zu turteln. Bei uns würde man ja sofort denken, derjenige sei aus dem Krankenhaus geflohen. Eine Studie schottischer Wissenschaftlern hat gezeigt, dass Asiaten die Mimik ihres Gegenübers hauptsächlich anhand der Augenpartie deuten, während Europäer größeren Wert auf den Mund legen. Das würde erklären, warum es die Japaner offenbar kaum stört, mit Mundschutz zu kommunizieren, während ich immer das Gefühl hatte, da stehe eine Wand zwischen mir und meinem Gegenüber, wenn ich irgendwo mit einem mundschutztragenden Mitarbeiter sprechen musste.

 

Die Klänge

Tokio ist die Stadt der Klänge. Musik, Melodien und geheimnisvolle Töne begleiten hier jeden Schritt und verleihen dem Leben eine träumerische Dimension. Es ist wie im Kino, wo noch die banalste Szene durch die Filmmusik bedeutungsschwer und emotional aufgeladen wird. Das ist auch einer der Gründe, weshalb sich Tokio am Anfang so surreal anfühlt. Am auffälligsten sind wohl die Abfahrtsmelodien an vielen Bahnhöfen und U-Bahnhöfen. Zuerst dachte ich, die Melodien werden gespielt, damit man seine Station nicht verpasst. Wenn man sich die Melodie der eigenen Station einprägt, dann hat sie vielleicht eines Tages dieselbe aufschreckende Wirkung, als wenn man im Stimmgewirr plötzlich seinen Namen hört. Aber mit meiner schönen Idee lag ich wohl falsch, denn die Melodien kündigen schlicht die Abfahrt des Zuges an. Jede Station hat eine andere Melodie, oder auch zwei, für die verschiedenen Richtungen oder Linien. Mein Favorit sind die melancholischen Melodien der Station Kamata. Wenn man dann tief im steinernen Labyrinth eines Bahnhofs seiner Wege geht, dann kann es vorkommen, dass man plötzlich Vögel zwitschern oder einen Kuckuck rufen hört.  Ich nehme an, das ist ein Code für Sehbehinderte, denn das Zwitschern konnte ich nur auf Treppen und den Kuckuck bei Rolltreppen hören. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass die Naturgeräusche sicher auch eine beruhigende Wirkung auf den gestressten Großstädter bei seiner täglichen Hatz durch die Betonwelt haben.  Auch die Ampeltöne sind in Tokio an die Natur angelehnt. Hier geben die Ampeln keine neutralen Klopfgeräusche von sich wie in Berlin – nein, hier tschirpen sie wie ein verlassenes Vogeljunge, das nach seiner Mutter ruft. (In manchen Fällen ist es auch ein Kuckuksruf). Dieser Ton ist ein so allgegenwärtiger Begleiter auf allen Straßen, dass er zu einem Teil des Tokiogefühls wird. Der Gipfel der Tokioer Klangwelt ist aber, dass hier in vielen Straßen über große Lautsprecher abends Musik gespielt wird. Dazu später mehr. Nachdem ich aus Tokio zurückgekehrt war fühlte sich in Berlin die Stille –vor allem in der U-Bahn – plötzlich so greifbar an. In Berlin finde ich diese Ruhe wohltuend. Hier kann ich tief in mich versinken, wohingegen in Tokio die Außenwelt durch ihre Melodien und Geräusche immerzu in mich eindringt und den Takt meiner Gedanken vorgibt. Dabei ist die Klangkulisse aber stets unaufdringlich, sanft und geschmeidig. (Das gilt allerdings nicht für die Lautheit der Shibuyakreuzung, an der drei riesige Werbebildschirme ihre Clips abspielen. Aber dafür ist die Kreuzung ja auch bekannt.)

Hier bekommt ihr einen Eindruck vom typischen Tokiosound:

Und hier geht’s zu Teil 2: Masse und Idyll

 

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