Tokio erleben – Teil 2: Masse und Idyll

Das Stadtbild

Regenschirmtütenspender am Eingang des Supermarkts! Meine Güte, die Japaner denken wirklich an alles. Man steckt seinen nassen Regenschirm von oben in die bereitgehaltene schmale Plastiktüte und zieht ihn dann mitsamt der Tüte seitlich heraus, wodurch auch gleich eine weitere Tüte für den nächsten Kunden geöffnet wird. Mit diesem Regenschirmkondom kann man nun in Ruhe einkaufen, ohne den Supermarkt vollzutropfen. Das funktioniert allerdings nur deshalb, weil hier offenbar alle das gleiche Regenschirmmodell haben. Mit einem Taschenschirm hätte man in Tokio wohl ein Problem. Am Eingang  der Universität hat man eine umweltfreundlichere Lösung gefunden: da trocknet man seinen Schirm, indem man ihn durch zwei enganliegende Polster zieht.

Solche Kleinigkeiten zu entdecken, ist für mich das Spannende am Reisen. Man nimmt ja in der Fremde immer das zuerst war, was sich von zu Hause unterscheidet – selbst wenn es für die Einheimischen die selbstverständlichsten Dinge der Welt sind. Andersrum kann man auch das Besondere an der eigenen Heimat erst erkennen, wenn man sie einmal durch die Augen eines Fremden betrachtet hat. Wenn es mich erstaunt, dass man in Tokio immer gefragt wird, ob man seinen Kaffee warm oder kalt trinken möchte (nein, es war nicht Sommer),  dann sagt das ebensoviel über meine eigene Heimat (in der man Kaffee üblicherweise warm serviert bekommt) wie es über Tokio sagt. Praktisch wie die Japaner sind, halten sie für den kalten Kaffee übrigens kleine Syruppäckchen statt Zucker bereit.  Mein Blick auf Tokio und alles, was ich hier schreibe, ist also geprägt von meiner eigenen begrenzten Erfahrungswelt. Und indem ich über all diese Kleinigkeiten stolpere und sie hier aufschreibe, will ich diese Erfahrungswelt erweitern.

 

Tokio raubt mir schon am ersten Tag mit seiner unfassbaren Größe den Atem. Die gesamte Metropolregion hat 37 Millionen Einwohner. Und das sieht man auch, wenn man zum Beispiel aus einem der Hochhäuser über die Stadt schaut: sie scheint einfach kein Ende zu nehmen. Selbst als wir mit dem Zug ein Stück aus Tokio herausfuhren, haben wir kein Grün gesehen. Da waren nur Häuser an Häusern an Häusern. Aber nicht nur in der Fläche, sondern auch in der Höhe ist die Stadt mit ihren zahlreichen Wolkenkratzern imposant. Tokio ist voller Leben, zu jeder Uhrzeit. Die großen Innenstadtstraßen sind eine knallbunt blinkende Explosion der Sinneseindrücke. Von allen Seiten versuchen riesige Werbetafeln und Schriftzüge, sich mit ihren Farben gegenseitig zu überschreien. Es ist wohl Ansichtssache, ob man das als Stresshölle und absoluten Overkill empfindet, oder als anregend und belebend. Auf jeden Fall aber ist das Stadtbild ein krasser Gegensatz zu den meisten Städten Europas, wo man Schönheit in historischen Gebäuden und harmonischen Straßenzügen misst. Die meisten Tokioer Gebäude wären ohne die bunten Anzeigen wohl ziemlich hässlich und kahl, insofern sind die Reklamen definitiv ein Pluspunkt.

Doch Tokio ist keineswegs nur eine wuselige Gigantopolis. Ganz im Gegenteil: an mindestens ebenso vielen Orten findet man hier eine geradezu kleinstädtische Ruhe. So zum Beispiel dort, wo wir wohnten. Wenn durch diese Straße mal ein Auto fährt, dann nur im Schritttempo, denn hier haben die Fußgänger das Sagen. Man schlendert, schiebt sein Fahrrad, schaut sich die Auslagen der Restaurants an. In Deutschland müsste man dafür extra eine Fußgängerzone einrichten. In Japan ist das nicht nötig: hier nehmen die Verkehrsteilnehmer Rücksicht aufeinander. Am meisten aber hat mich die Musik beeindruckt. Hier stehen doch tatsächlich große Lautsprechermasten auf der Straße, die abends friedliche Melodien spielen. Oh, was muss das für eine Kultur sein, in der die musikalische Untermalung des Abends denselben Stellenwert hat wie die Straßenbeleuchtung!  Da wir es nicht gewohnt waren, dass unser Nachhauseweg einen Soundtrack hat, kamen wir uns in unserem Sträßchen vor wie in einer idyllischen Traumwelt. Und solche Orte sind in Tokio keineswegs die Ausnahme –  sie sind abseits der großen Geschäftsstraßen sogar eher die Regel. Ruhe und Besinnlichkeit findet man auch in den vielen Tempeln der Stadt – den großen und bekannten ebenso wie den vielen kleineren, die man überall entdecken kann. Manche religiöse Stätten sind nicht größer als ein Haltestellenhäuschen, eingereiht zwischen den kleinen Läden, in denen man duftendes Fleisch am Spieß kaufen kann.

Im Einkaufssträßchen Yanaka Ginza präsentiert sich die Vielfalt der Metropole mit einem entspannten Charme.

 

Es ist dieser Kontrast, der Tokio ausmacht: Megacity, Gewusel und Überdrehtheit auf der einen Seite, Dörflichkeit, Idyll und Liebe zum Detail auf der anderen. Zu den Selbstverständlichkeiten im Tokioer Stadtbild gehören auch die Automaten an jeder Straßenecke, an denen man sich Getränke und Snacks kaufen kann. Praktischerweise kann man hier mit derselben Karte bezahlen, die auch als elektronisches U-Bahnticket dient. Dies ist das Prinzip, welches diese Millionenmetropole so reibungslos am Laufen hält: man kann alles zu jeder Zeit bekommen, ohne Zeit in Kassenschlangen zu verlieren. In den Automaten gibt es zum Beispiel sowohl warmen als auch kalten Tee. Kalter ungesüßter Tee ist für den europäischen Geschmack zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, aber dann eine tolle gesunde Art, um seinen Durst zu stillen. Zunächst dachte ich, die Japaner sind vielleicht lobenswerterweise weniger zuckerabhängig als wir, aber wie erklären sich dann die vielen übersüßen amerikanischen Backwaren in den Bäckereien? Apropos Essen: Noch mehr als man in Tokio tatsächlich essen kann, kann man sich hier alle Arten von Essen anschauen, denn Plastikmodelle der Speisen finden sich im Schaufenster jedes Restaurants. Das ist wieder einmal sehr praktisch gedacht, doch mir läuft beim Anblick von Plastikessen nicht gerade das Wasser im Mund zusammen. Auch der Bestellvorgang ist in den meisten Restaurants maximal effektiv und automatisiert. Man sucht sich mit Hilfe der Plastikmodelle sein Gericht aus, tippt die Nummer in einen Automaten und zahlt dort auch. Dann kann man sich sein Essen an der Theke abholen. Viele Gerichte waren uns bisher etwas suspekt, da sie seltsames Seegetier enthielten oder ein rohes Ei auf ihnen herumschwamm. Mitunter erlebt man leider sehr fischige Überraschungen.  Dafür gibt es aber auch viele wunderbare Speisen zu entdecken, zum Beispiel Monjayaki, einen Pfannkuchen mit Gemüse und Fisch. Mein Favorit sind auf jeden Fall die Grüntee-Eiscrememochis. Die Japanische Eiscreme beweist, dass sich Lebensmittel wie Süßkartoffeln oder Bohnen nicht nur als Beilage zum Mittagessen eignen.

 

Ebenso wie ein Baum breitet sich eine Großstadt wie Tokio nicht nur über sondern auch unter der Erde aus. Ich finde ja, nirgendwo zeigt sich der Charakter einer Stadt und ihrer Einwohner eindringlich und ungeschminkt wie in der U-Bahn. Der Tokioer U-Bahnplan wirkt auf den ersten Blick erschlagend, aber dann ist es doch erstaunlich einfach, sich in diesem Gewirr zurechtzufinden. Die U-Bahnhöfe einer Linie sind durchnummeriert, so dass man jederzeit auf einen Blick erkennen kann, wie viele Stationen man noch fahren muss. In den meisten Zügen zeigt eine Leuchtanzeige genau an, wo sich der Zug gerade befindet. Einige Umsteigebahnhöfe sind zwar überwältigend groß (einmal sind wir über einen Kilometer nur innerhalb eines Bahnhofs gelaufen), doch sie sind stets hell, sauber und deutlich auch in lateinischer Schrift beschildert. Obwohl die Tokioer U-Bahn das höchste Passagieraufkommen der Welt hat, läuft alles reibungslos wie eine gut geölte Maschine. Das liegt auch daran, dass sich die Japaner im Nahverkehr meist rücksichtsvoll und höflich verhalten. Rempeleien, lautstarke Unterhaltungen oder Fahrgäste, die aneinandergeraten  habe ich hier bisher nicht erlebt. Ich muss ein wenig schmunzeln, wenn ich daran denke, wie uns als Schülern im Englischunterricht beigebracht wurde, Engländer würden sich an der Bushaltestelle brav in einer Schlange anstellen. Das trifft in England heute wohl kaum noch zu. In Tokio hingegen ist es Realität. Hier stellen sich die Menschen am Bahnsteig überall dort in einer Schlange auf, wo die Türen des Zugs erwartet werden (was man an Bodenmarkierungen erkennt). Dass es allerdings nicht immer nur höflich zugeht, lässt sich aus der Tatsache schließen, dass es wohl nötig war, auf einigen Linien zur Rush Hour „women only“ Waggons einzuführen.

Eine nette Unterhaltung beim U-Bahnfahren bieten die Poster, die auf Gefahren und richtiges Verhalten hinweisen, denn sie sind von einer geradezu befremdlichen Niedlichkeit. Japan ist ja nicht umsonst für seine Comics bekannt. Der dahintersteckende Gedanke scheint zu sein:  Wenn man die Leute schon ermahnen muss, nicht zu rennen und andere Fahrgäste nicht zu belästigen, dann kann man das ja zumindest mit ein paar süßen Tierfiguren etwas sanfter ausdrücken. Und wirken die Warnung vor Taschendieben oder die Anweisungen für den Fall eines Erdbebens nicht gleich weniger bedrohlich, wenn man sie mit knopfäugigen Comicfiguren im besten Kindchenschema illustriert? Ich muss zugeben, es fiel uns schwer, derartige Poster überhaupt ernstzunehmen.

Seitdem ich dieses Poster gesehen habe, empfinde ich Mitleid für Züge.

Ohne Frage läuft der Tokioer Nahverkehr beeindruckend glatt, doch es ist ein echtes Ärgernis, dass es so viele verschiedene private Betreiber gibt, für die man jedesmal extra bezahlen muss. Schon die U-Bahn selbst wird von zwei verschiedenen Anbietern betrieben, die sich das Netz aufteilen. Um Geld zu sparen haben wir uns nur vom größeren Betreiber eine Tageskarte gekauft und mussten dann immer aufpassen, dass wir nicht aus Versehen die Linien des anderen Betreibers benutzen. Zusätzlich gibt es in Tokio die von Japan Rail betriebenen Linien, also so etwas wie die S-Bahn. Will man zwischen U-Bahn und S-Bahn wechseln, muss man erneut bezahlen. Und das ist noch längst nicht alles, es gibt nämlich noch etliche weitere Bahnlinien privater Betreiber. So waren wir beispielsweise auf die Züge der Tokyu-Gesellschaft angewiesen. Praktischerweise kooperieren die verschiedenen Betreiber miteinander, so dass beispielsweise die Fukutoshin-Linie der U-Bahn spätabends an ihrem Endbahnhof Shibuya einfach weiterfährt und zu einer Linie der Tokyu Gesellschaft wird. Dadurch wird dann allerdings beim Aussteigen auch ein höherer Preis fällig. Es ist zwar sehr bequem, dass man bei fast allen Anbietern dasselbe elektronische Ticket nutzen kann, doch wenn man nicht aufpasst, kann man so sehr schnell sehr viel Geld loswerden.  Ein „price cap“ wie in London, wo man ab einer bestimmten Summe für den Rest des Tages nichts mehr zahlen muss, wird es in Tokio wohl aufgrund der Vielfalt der Bahngesellschaften nicht geben.

Wäre Tokio eine Maschine, dann wäre sie ein Uhrwerk aus hunderten von Zahnrädchen, das leise und gleichmäßig vor sich hinsummt. Wenn man eines über diese Stadt sagen kann, dann: Tokio funktioniert. Geschmeidig, ordentlich und reibungslos. Und das ist bei der Masse an Menschen wahrlich bemerkenswert. Das wohl bekannteste Sinnbild hierfür ist die Shibuya-Kreuzung, an der sich bei jeder Grünphase ein Schwall von Menschen auf die Straße ergießt, durcheinanderwuselt und wimmelt um dann binnen einer Minute die Straße wieder für den Autoverkehr freizumachen. Damit Tokio funktioniert, übernehmen hier alle Verantwortung. Es gibt kaum öffentliche Mülleimer? Na dann nehmen die Tokioer eben ihren Müll mit nach Hause. Hauptsache die Stadt bleibt sauber. Als wir einmal an der Eingangsschranke eines Bahnhofs ein Problem mit unserem Ticket hatten, rannten sofort zwei Männer höchst aufgeregt herbei, und ihre größte Sorge schien zu sein, dass wir den Verkehr aufhalten könnten. Dabei war die Station fast menschenleer. Wenn es in Berlin Bauarbeiten am U-Bahnhof oder auf dem Bürgersteig gibt, dann kann man sich schon glücklich schätzen, wenn das mit Absperrband gekennzeichnet ist. Einen Zettel mit einem wegweisenden Pfeil etwa betrachtet man ja hier schon als überflüssigen Luxus. Nicht so in Tokio, wo man sogar Arbeiter bezahlt, die nichts anderes zu tun haben, als sich in einem Abstand von fünf Metern zueinander hinzustellen und mit Leuchtstäben den Weg zu weisen.

Wenn ihr einen Eindruck von den Tokioer Gegensätzen bekommen wollt, schaut euch doch einmal mein Video im ersten Teil an: Teil 1: Masken und Melodien

Hier geht’s zu Teil 3

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