Tokio erleben – Teil 3: Menschen

Die Menschen

Wie kann man seine Gewissheiten besser hinterfragen, als indem man sich mit anderen Denk- und Verhaltensmustern konfrontiert? Wie wir denken, fühlen, arbeiten, genießen und miteinander umgehen, das ist ja keineswegs einfach naturgegeben. Es hängt zu einem Teil davon ab, in welcher Kultur wir aufgewachsen sind. Wie also unterscheidet sich das Menschsein in Japan vom Menschsein in Deutschland? Als Tourist mit nur sechs Tagen Zeit konnte ich natürlich bei dieser Frage gerade einmal an der Oberfläche kratzen. Und selbst das ist gar nicht so einfach, wenn man kein Japanisch spricht, denn mit Englisch kommt man hier nicht weit. Spricht man jemanden auf Englisch an, so erntet man in den meisten Fällen blankes Entsetzen. Dann kann man zusehen, wie derjenige die Augen vor Panik weit aufreißt und dann die Arme vorm Gesicht kreuzt. Das soll wohl schlicht heißen „Ich spreche kein Englisch“, aber ich empfand diese Geste immer als ziemlich aggressiv und abweisend – was so gar nicht zur höflichen Art der Japaner passt. Gesten sind eben auch nicht so universell, wie man denken könnte. Es tat mir jedes Mal aufrichtig leid, die Leute in solche Nöte zu bringen. Einmal wollten wir uns in einen Handyladen nach SIMKarten erkundigen. Sofort taten alle Mitarbeiter sehr geschäftig und hofften wohl, dass wir uns wieder verziehen würden. Als man uns nach zwanzig Minuten schließlich nicht mehr länger ignorieren konnte und wir endlich zu Wort kamen, verschwanden zwei Mitarbeiter sogleich im Nebenraum und ließen uns weitere zehn Minuten warten, bis sie mit einem Tabletcomputer in der Hand zurückkamen. Auf dessen Bildschirm hatte ein Übersetzungsprogramm folgenden Worte geschrieben: „Not speak English“.

Natürlich gibt es Ausnahmen und so hatten wir mehrmals das Glück mit Japanern ins Gespräch zu kommen. Eine Frau zeigte uns sogar ihre Wohnung. Sie war an einen Tempel angeschlossen, da ihr Mann Mönch war. Die Wohnung  war wunderschön japanisch eingerichtet mit Tatami Matten und Kalligraphien des Mannes an den Wänden. Im Wohnzimmer jedoch hatte die Bequemlichkeit über die Tradition gesiegt. Hier hatte sich die Dame ein neues Sofa aus Italien hingestellt, weil es ihr im Alter dann doch zu anstrengend wurde, nach japanischer Sitte auf dem Boden zu sitzen.

Durch die Sprachprobleme werden auch Alltäglichkeiten zur Herausforderung. Die erste erwartete uns gleich nach unserer Ankunft, als wir völlig übermüdet vom langen Flug mit der Tokyubahn eine Station zu weit gefahren waren. Mit Händen und Füßen konnten wir einen Bahnmitarbeiter überreden, uns durch die Schranke auf den gegenüberliegenden Bahnsteig zu lassen. Den nächsten Schwierigkeitsgrad erreichten wir einige Tage später, als wir feststellen mussten, dass von Mister Kalabriens U-Bahnticket zu viel abgebucht wurde, weil wohl im Laufe des Tages an irgendeiner Schranke nicht richtig eingecheckt hatte. Erklär das mal nur mit den Händen! Ich weiß nicht, wie wir es geschafft haben. In Japan bekommt man wirklich ein Gefühl dafür, was es heißt, sich fremd zu fühlen. Wir stachen ja schon durch unser europäisches Aussehen als Fremdkörper hervor. Selbst in der Weltstadt Tokio trifft man relativ wenige Ausländer. Was für ein Kontrast zu einer Stadt wie London, wo man in jedem einzelnen U-Bahnwaggon Menschen aller Hautfarben findet und selbst mit schlechtem Englisch sofort als Londoner behandelt wird. Für Ausländer, die hier dauerhaft leben wollen, ist es bestimmt nicht einfach, in der japanischen Gesellschaft Fuß zu fassen. Die Menschen sind freundlich zu Besuchern wie uns, aber sie wahren stets ihre Distanz.  Einmal sprach Mister Kalabrien in der Stadt Kamakura einen Lehrer an, der gerade das Schulgebäude verlassen hatte.  Sofort kamen zwei Dutzend ca. 12-jährige Schülerinnen herbeigelaufen und rissen weit Augen und Münder auf. Ohne ihre Überraschung auch nur im Geringsten zu verbergen, bildeten sie eine Traube um Mister Kalabrien und den Lehrer, tuschelten hinter vorgehaltener Hand und kicherten. Es musste wohl ein aufregendes Ereignis für sie sein, dass ihr Lehrer tatsächlich  mit einem FREMDEN sprach (und noch dazu einem mit so schönen Locken).

lost in translation?

 

Wenn es eines gibt, wofür die japanische Kultur bekannt ist, dann sind es wohl die komplizierten Höflichkeitsrituale. Als Ausländerin konnte ich zum Glück Nachsicht erwarten. Mit einer kleinen Verbeugung hier und da kann man ganz gut durchkommen. Für mich ist diese Verbeugungskultur genau das Richtige.  Es ist mir ja grundsätzlich unangenehm, wenn ich jemanden ansprechen muss oder – Gott bewahre – auch nur die kleinsten Unannehmlichkeiten verursachen könnte. In solchen Fällen würde ich mich am liebste gleich zwanzigmal für meine Existenz entschuldigen. In Japan kann ich das auch irgendwie tun – durch ein paar Verbeugungen. Als Japaner müsste man dann allerdings noch dazu bei jedem Gespräch den sozialen Status seines Gegenübers abschätzen und dann darauf achten, bloß die richtigen Worte und Höflichkeitsformen zu wählen, um bloß keinen Fauxpas zu begehen. Ich frage mich, wie es sich anfühlt, in so einer Kultur zu leben. Auf jeden Fall sind hier wenn man einkaufen geht, alle Angestellten ungeheuer beflissen und hilfsbereit. Sie setzen sofort die ganze Welt in Bewegung, wenn man eine Frage hat, und drücken in all ihren Gesten ihre Dienstbereitschaft aus. Hier fühlt man sich als Kunde tatsächlich wie ein König. Das ist mir fast schon unangenehm, immerhin bin ich an die Berliner Schnauze gewöhnt.

Zweifellos fühlt man sich in Tokio sehr sicher, da die meisten Leute großen Wert auf korrektes Verhalten legen. Dadurch sind sie aber leider auch oft furchtbar unflexibel und umständlich. Wenn du in Berlin ein Problem hast, dann kannst du entweder auf ein Arschloch treffen, das dich noch zusätzlich anschnauzt, oder aber auf einen gutmütigen Menschen, der dir vielleicht sogar mehr hilft als nötig. In London wurden wir einmal mitten im Nirgendwo von einem Busfahrer kaltschnäuzig stehengelassen, weil es ein Problem mit unserer Karte gab. Dafür hat uns ein anderes Mal eine Mitarbeiterin am U-Bahnhof einfach lächelnd die Schranken geöffnet und uns augenzwinkernd durchgewinkt. In Japan hingegen merkt man kaum, ob man es mit einem Arschloch oder einem Menschenfreund zu tun hat, weil nach außen alle die gleiche Maske der Korrektheit tragen. Die Maske zähmt die Rauheit und Schlechtigkeit des Menschen, aber sie lässt auch wenig Raum für Herzlichkeit und Eigeninitiative. Während sich bei uns ein jeder unterscheiden und seine Originalität beweisen will, ist es hier wohl nicht so gut angesehen, aus den gewohnten Mustern auszubrechen. Das konnten wir herrlich beobachten, als Mister Kalabrien sich einen Scherz mit den Angestellten erlaubte, die an einem U-Bahnhof den Weg um eine Baustelle wiesen. Die Männer zeigten alle paar Meter mit Leuchtstäben die Richtung an, obwohl der Weg durch riesige Pfeile auf dem Boden und an den Wänden wirklich unmissverständlich ausgeschildert war. Mister Kalabrien nahm  also jeweils Blickkontakt mit einem der Herren auf, zeigte in die falschestmögliche Richtung und fragte mit seinem Blick nach Bestätigung: „Also hier lang, ja?“. In Deutschland hätten die Männer wohl entweder gelacht, oder genervt mit den Augen gerollt. In Tokio aber haben tatsächlich vier von fünf Angestellten Mister Kalabrien ernstgenommen und sogleich ganz beflissen nochmal den richtigen Weg gewiesen.

Eine Sache, die ich in Japan etwas beklemmend fand, war dieses Niedlichkeitsideal für Frauen. Viele Frauen in der Werbung und im Fernsehen wirken glattpoliert und kleinmädchenhaft. Bei Mädchen sind Fotokabinen mit „Verschönerungsfunktion“ beliebt, die auf den Fotos automatisch die Augen vergrößern, die Wangen schmälern und die Haut weichzeichnen. Damit man also noch besser ins Kindchenschema passt. Frauen sollen wohl so putzig und harmlos wie möglich daherkommen. Auf die Spitze getrieben wird das von den Kellnerinnen der Maid Cafés in Akihabara, die in ihren sexy-Dienstmädchenuniformen die Gäste naiv anhimmeln müssen. Gleichzeitig tragen viele Mädchen die Röcke ihrer Schuluniform so kurz wie es nur geht. Die Infantilisierung der Frauen kombiniert mit der Sexualisierung von Mädchen hinterlässt mir ein flaues Gefühl im Magen.

Hier geht’s zu Teil1 und Teil 2

 

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