Irasshaimase! Lebensmittel einkaufen in Japan

Lebensmittel einzukaufen kann eine lästige Alltagspflicht sein, aber es ist auch eine wunderbare Gelegenheit, etwas über das Lebensgefühl und die Mentalität eines Landes zu lernen. Das fängt in Japan schon an, bevor man ein Geschäft überhaupt betreten hat. Denn noch während man die Türschwelle überschreitet, wird man schon mit einem schallenden „Irasshaimase!“ begrüßt. Und dabei soll es nicht bleiben. Während man in deutschen Supermärkten unbehelligt durch die Gänge streifen und seine Einkaufsliste abarbeiten kann, agieren die japanischen Supermarktmitarbeiter als eine Art Bewegungsmelder. Selbst wenn sie gerade mit dem Rücken zu dir Regale einräumen, rufen sie zuverlässig „Irasshaimase“ aus, sobald du dich ihnen auch nur näherst. Dabei und auch bei den anderen Höflichkeitsphrasen in ihrem Repertoire, ziehen sie gerne die Vokale am Ende so lang, dass man sich wie zwischen den Marktschreiern auf einem orientalischen Gemüsemarkt vorkommt: „Irasshaimaseeeeee“, „Arigatou gozaimaaaaaaasu“. Hereinspaziert, willkommen in Japan!

roter Korb vor dem Bezahlen – grüner Korb danach

 

Im allgegenwärtigen „Irasshaimase!“ lassen sich zwei japanische Eigenheiten erkennen: die Normierung der Abläufe und die Dienstleistungsbereitschaft. So wie der Ausruf „Irasshaimase!“ für viele Verkäufer kaum mehr als ein sinnentleerter Reflex ist (die Armen müssen das aber bestimmt auch hunderte Male am Tag sagen) folgen sie auch sonst der immergleichen Routine. Wehe, man will zum Beispiel dem Verkäufer das Geld direkt in die Hand geben, statt es ins bereitstehende Schälchen zu legen, oder man legt seine Einkäufe direkt an die Kasse statt sie, wie hier üblich, im Einkaufskorb zu belassen. Als wir das taten, machte sich der Verkäufer tatsächlich die Mühe, all unsere Einkäufe wieder in den Korb zurückzuräumen, nur um sie dann zum Einscannen doch wieder aus dem Korb herauszunehmen. Regeln sind eben Regeln in Japan. (Oder war das etwa als Erziehungsmaßname für uns gedacht?) In Deutschland läuft der Bezahlvorgang an der Kasse ja meist so ab: man legt seine Einkäufe aufs Kassenband, der Verkäufer zieht sie über den Scanner, und dann muss man in größter Eile alles einpacken, während schon die Einkäufe des nächsten Kunden angekullert kommen. Wenn man nicht schnell genug ist, verursacht man einen Stau. In den meisten japanischen Supermärkten kann das nicht passieren. Hier stellt man einfach seinen gefüllten Einkaufskorb an die Kasse, dann nimmt der Verkäufer nacheinander jedes Produkt heraus, scannt es, und räumt es in einen zweiten Einkaufskorb wieder ein. Mit diesem Korb geht man dann zum Einpackbereich, wo man ganz in Ruhe seine Einkäufe in Tüten und Taschen verstauen kann. Für die Verkäufer bedeutet das allerdings, stets im Stehen kassieren zu müssen. Aber die Bequemlichkeit der Angestellten zählt hier eben weniger als das Ziel, möglichst viele Kunden schnell und reibungslos abzufertigen. Tatsächlich muss man als Kunde an der Kasse selten lange warten. Typisch japanisch ist dieses System bis ins Detail durchorganisiert: Oft haben die Körbe, mit denen man einkauft, eine andere Farbe als diejenigen, in welche die bezahlten Waren gelegt werden. Die Einkaufswagen sind so konstruiert, dass sie man sie zusammen mit einem Korb benutzen muss, so dass kein Kunde ohne Korb an der Kasse ankommt. Sich etwas zu essen zu besorgen kann kaum bequemer sein als in Tokio – von den unfassbaren Preisen für Obst einmal abgesehen. Wenn der Hunger drängt, findet man in fast jedem Supermarkt eine große Abteilung mit frischen Snacks wie zum Beispiel frittiertem Fisch, die man sich gleich im Geschäft in einer Mikrowelle selbst erwärmen kann. Noch bequemer kann man sich im nächsten Konbini etwas Essbares holen. Selbst in der abgelegensten Gegend findet man an jeder Straßenecke diese moderne japanische Version des Tante-Emma-Lädchens – und meist haben sie sogar 24 Stunden am Tag geöffnet. Wasser, Limonade, Tee und Kaffee kann man sich außerdem auch ganz unkompliziert an den Getränkeautomaten holen, die nie mehr als ein paar Schritte entfernt sind. In meinem ersten Artikel hatte ich Tokio als gut geölte Maschine beschrieben und das zeigt sich auch beim Einkaufen. Alles ist hier darauf ausgelegt, eine dicht konzentrierte Millionenbevölkerung jederzeit möglichst effektiv zu versorgen.

frische Snacks im Supermarkt

Auch in den Konbinis rufen die Verkäufer jedem Kunden ihr automatisiertes „Irasshaimaseeeee“ entgegen, auf das sie nur selten eine Antwort erhalten. Für mich fühlt sich es sich sehr komisch an, auf eine Begrüßung nicht zurückzugrüßen. Allerdings wird dadurch umso mehr die Rolle der Verkäufer als Dienstleister betont. In Berlin sollten Verkäufer zwar im Idealfall auch hilfsbereit und freundlich auftreten, aber sie müssen sich dafür nicht gleich eine zweite Persönlichkeit zulegen. Wenn du eine Frage hast, dann helfen sie dir, weil das eben ihr Job ist, bleiben dabei aber meist ganz entspannt, so als würden sie einem Freund helfen. In Japan hingegen brechen Verkäufer auf eine Frage hin bisweilen in hektischen Aktionismus aus und setzen den ganzen Laden in Bewegung, während sie wortreich ihr Bemühen oder Bedauern beteuern. Bestimmt hat das auch damit zu tun, dass sie uns Ausländern gegenüber einerseits besonders gastfreundlich sein wollen und andererseits schon bei dem Gedanken daran, dass wir sie auf Englisch ansprechen könnten, in Panik verfallen. Doch auch abgesehen vom Gaijin-Faktor treten Dienstleister in Japan um ein vielfaches ehrerbietiger auf als in Deutschland. Als ein Mitarbeiter der Stromgesellschaft unseren Sicherungskasten überprüfen musste, entschuldigte er sich dabei so oft und so ausdrucksvoll für die Störung, dass ich ihn schon beinahe trösten wollte. Was für ein Kontrast zu Berlin, wo sie dir gerne mal mit Straßenschuhen über den Teppich laufen, während sie in ihr Handy brüllen. Das Bemühen der japanischen Verkäufer zeigt sich oft in Details. Einmal standen Mister Kalabrien und ich in einem Gitarrenladen und unterhielten uns, während wir darauf warteten, dass der Verkäufer hinten im Laden die Papiere für unseren Kauf fertig machte. Dafür brauchte er offenbar das Preisschild der Gitarre, die nun neben uns stand. Also kam er zurück,  ging in die Knie, schlich sich vorsichtig an wie eine Katze und griff beinahe wie in Zeitlupe das Preisschild, indem er seinen Arm so weit ausstreckte, wie es nur ging. All die Akrobatik, um bloß unser Gespräch nicht zu unterbrechen. Als ich hingegen zuletzt in Berlin bei der Bank war, fing der Bankmitarbeiter beim Eingeben meiner Daten plötzlich an, lautstark mit sich selbst zu schimpfen: „Schon wieder vertippt! Mensch, det jibts doch janich!! Bin ick denn heute behämmert oder was?“ So eine Szene wäre in Japan kaum vorstellbar, denn hier darfst du als Dienstleister um keinen Preis aus deiner Rolle fallen. In Deutschland ist es auch durchaus üblich, dass Kunden und Verkäufer an der Supermarktkasse einen Scherz oder eine flapsige Bemerkung austauschen. In Japan konnte ich so etwas bisher nicht beobachten. Hier weiß ich immer schon im Voraus, was der Verkäufer als nächstes sagen wird, denn es ist immer dasselbe Lied. Vermutlich trägt auch die japanische Sprache ihren Teil zu dieser Dienstleistungskultur bei. Dadurch, dass es eine eigene Höflichkeitssprache mit besonderen Verbformen, Präfixen und Suffixen gibt, wird die Unterscheidung zwischen öffentlichem Ich und privatem Ich noch verstärkt. Die Höflichkeitssprache ist wie das Kostüm, das ein Schauspieler sich überzieht, um in seine Rolle zu schlüpfen –  die Rolle des Dienstleisters. Wie befreiend es sich wohl anfühlen muss, diese Rolle nach Feierabend wieder abzustreifen? Was man beim Einkaufen beobachtet, lässt sich in gewissem Maße auch auf die japanische Gesellschaft im Allgemeinen übertragen. Generell scheint man sich in Japan gerne an Routine und Regeln zu halten. Die Dinge so zu machen, wie alle anderen sie machen und wie sie schon immer gemacht wurden, verleiht den Japanern ein Gefühl von Sicherheit. Und auch wenn sie nicht gerade im Kundenservice arbeiten, zeigen sie sich meist in der Öffentlichkeit als perfektes Muster an Höflichkeit und Hilfsbereitschaft, wobei sie nur ungern ihre Persönlichkeit oder ihre wahre Meinung durchblitzen lassen. Reibung ist unbedingt zu vermeiden. Deshalb funktioniert Japan reibungslos – im Positiven wie im Negativen.

 

Wie erlebt ihr das Einkaufen in Japan? Was findet ihr besser als in Deutschland, was findet ihr schwierig oder seltsam? Schreibt es mir in einem Kommentar!

 

Tokio erleben – Teil 3: Menschen

Die Menschen

Wie kann man seine Gewissheiten besser hinterfragen, als indem man sich mit anderen Denk- und Verhaltensmustern konfrontiert? Wie wir denken, fühlen, arbeiten, genießen und miteinander umgehen, das ist ja keineswegs einfach naturgegeben. Es hängt zu einem Teil davon ab, in welcher Kultur wir aufgewachsen sind. Wie also unterscheidet sich das Menschsein in Japan vom Menschsein in Deutschland? Als Tourist mit nur sechs Tagen Zeit konnte ich natürlich bei dieser Frage gerade einmal an der Oberfläche kratzen. Und selbst das ist gar nicht so einfach, wenn man kein Japanisch spricht, denn mit Englisch kommt man hier nicht weit. Spricht man jemanden auf Englisch an, so erntet man in den meisten Fällen blankes Entsetzen. Dann kann man zusehen, wie derjenige die Augen vor Panik weit aufreißt und dann die Arme vorm Gesicht kreuzt. Das soll wohl schlicht heißen „Ich spreche kein Englisch“, aber ich empfand diese Geste immer als ziemlich aggressiv und abweisend – was so gar nicht zur höflichen Art der Japaner passt. Gesten sind eben auch nicht so universell, wie man denken könnte. Es tat mir jedes Mal aufrichtig leid, die Leute in solche Nöte zu bringen. Einmal wollten wir uns in einen Handyladen nach SIMKarten erkundigen. Sofort taten alle Mitarbeiter sehr geschäftig und hofften wohl, dass wir uns wieder verziehen würden. Als man uns nach zwanzig Minuten schließlich nicht mehr länger ignorieren konnte und wir endlich zu Wort kamen, verschwanden zwei Mitarbeiter sogleich im Nebenraum und ließen uns weitere zehn Minuten warten, bis sie mit einem Tabletcomputer in der Hand zurückkamen. Auf dessen Bildschirm hatte ein Übersetzungsprogramm folgenden Worte geschrieben: „Not speak English“.

Natürlich gibt es Ausnahmen und so hatten wir mehrmals das Glück mit Japanern ins Gespräch zu kommen. Eine Frau zeigte uns sogar ihre Wohnung. Sie war an einen Tempel angeschlossen, da ihr Mann Mönch war. Die Wohnung  war wunderschön japanisch eingerichtet mit Tatami Matten und Kalligraphien des Mannes an den Wänden. Im Wohnzimmer jedoch hatte die Bequemlichkeit über die Tradition gesiegt. Hier hatte sich die Dame ein neues Sofa aus Italien hingestellt, weil es ihr im Alter dann doch zu anstrengend wurde, nach japanischer Sitte auf dem Boden zu sitzen.

Durch die Sprachprobleme werden auch Alltäglichkeiten zur Herausforderung. Die erste erwartete uns gleich nach unserer Ankunft, als wir völlig übermüdet vom langen Flug mit der Tokyubahn eine Station zu weit gefahren waren. Mit Händen und Füßen konnten wir einen Bahnmitarbeiter überreden, uns durch die Schranke auf den gegenüberliegenden Bahnsteig zu lassen. Den nächsten Schwierigkeitsgrad erreichten wir einige Tage später, als wir feststellen mussten, dass von Mister Kalabriens U-Bahnticket zu viel abgebucht wurde, weil wohl im Laufe des Tages an irgendeiner Schranke nicht richtig eingecheckt hatte. Erklär das mal nur mit den Händen! Ich weiß nicht, wie wir es geschafft haben. In Japan bekommt man wirklich ein Gefühl dafür, was es heißt, sich fremd zu fühlen. Wir stachen ja schon durch unser europäisches Aussehen als Fremdkörper hervor. Selbst in der Weltstadt Tokio trifft man relativ wenige Ausländer. Was für ein Kontrast zu einer Stadt wie London, wo man in jedem einzelnen U-Bahnwaggon Menschen aller Hautfarben findet und selbst mit schlechtem Englisch sofort als Londoner behandelt wird. Für Ausländer, die hier dauerhaft leben wollen, ist es bestimmt nicht einfach, in der japanischen Gesellschaft Fuß zu fassen. Die Menschen sind freundlich zu Besuchern wie uns, aber sie wahren stets ihre Distanz.  Einmal sprach Mister Kalabrien in der Stadt Kamakura einen Lehrer an, der gerade das Schulgebäude verlassen hatte.  Sofort kamen zwei Dutzend ca. 12-jährige Schülerinnen herbeigelaufen und rissen weit Augen und Münder auf. Ohne ihre Überraschung auch nur im Geringsten zu verbergen, bildeten sie eine Traube um Mister Kalabrien und den Lehrer, tuschelten hinter vorgehaltener Hand und kicherten. Es musste wohl ein aufregendes Ereignis für sie sein, dass ihr Lehrer tatsächlich  mit einem FREMDEN sprach (und noch dazu einem mit so schönen Locken).

lost in translation?

 

Wenn es eines gibt, wofür die japanische Kultur bekannt ist, dann sind es wohl die komplizierten Höflichkeitsrituale. Als Ausländerin konnte ich zum Glück Nachsicht erwarten. Mit einer kleinen Verbeugung hier und da kann man ganz gut durchkommen. Für mich ist diese Verbeugungskultur genau das Richtige.  Es ist mir ja grundsätzlich unangenehm, wenn ich jemanden ansprechen muss oder – Gott bewahre – auch nur die kleinsten Unannehmlichkeiten verursachen könnte. In solchen Fällen würde ich mich am liebste gleich zwanzigmal für meine Existenz entschuldigen. In Japan kann ich das auch irgendwie tun – durch ein paar Verbeugungen. Als Japaner müsste man dann allerdings noch dazu bei jedem Gespräch den sozialen Status seines Gegenübers abschätzen und dann darauf achten, bloß die richtigen Worte und Höflichkeitsformen zu wählen, um bloß keinen Fauxpas zu begehen. Ich frage mich, wie es sich anfühlt, in so einer Kultur zu leben. Auf jeden Fall sind hier wenn man einkaufen geht, alle Angestellten ungeheuer beflissen und hilfsbereit. Sie setzen sofort die ganze Welt in Bewegung, wenn man eine Frage hat, und drücken in all ihren Gesten ihre Dienstbereitschaft aus. Hier fühlt man sich als Kunde tatsächlich wie ein König. Das ist mir fast schon unangenehm, immerhin bin ich an die Berliner Schnauze gewöhnt.

Zweifellos fühlt man sich in Tokio sehr sicher, da die meisten Leute großen Wert auf korrektes Verhalten legen. Dadurch sind sie aber leider auch oft furchtbar unflexibel und umständlich. Wenn du in Berlin ein Problem hast, dann kannst du entweder auf ein Arschloch treffen, das dich noch zusätzlich anschnauzt, oder aber auf einen gutmütigen Menschen, der dir vielleicht sogar mehr hilft als nötig. In London wurden wir einmal mitten im Nirgendwo von einem Busfahrer kaltschnäuzig stehengelassen, weil es ein Problem mit unserer Karte gab. Dafür hat uns ein anderes Mal eine Mitarbeiterin am U-Bahnhof einfach lächelnd die Schranken geöffnet und uns augenzwinkernd durchgewinkt. In Japan hingegen merkt man kaum, ob man es mit einem Arschloch oder einem Menschenfreund zu tun hat, weil nach außen alle die gleiche Maske der Korrektheit tragen. Die Maske zähmt die Rauheit und Schlechtigkeit des Menschen, aber sie lässt auch wenig Raum für Herzlichkeit und Eigeninitiative. Während sich bei uns ein jeder unterscheiden und seine Originalität beweisen will, ist es hier wohl nicht so gut angesehen, aus den gewohnten Mustern auszubrechen. Das konnten wir herrlich beobachten, als Mister Kalabrien sich einen Scherz mit den Angestellten erlaubte, die an einem U-Bahnhof den Weg um eine Baustelle wiesen. Die Männer zeigten alle paar Meter mit Leuchtstäben die Richtung an, obwohl der Weg durch riesige Pfeile auf dem Boden und an den Wänden wirklich unmissverständlich ausgeschildert war. Mister Kalabrien nahm  also jeweils Blickkontakt mit einem der Herren auf, zeigte in die falschestmögliche Richtung und fragte mit seinem Blick nach Bestätigung: „Also hier lang, ja?“. In Deutschland hätten die Männer wohl entweder gelacht, oder genervt mit den Augen gerollt. In Tokio aber haben tatsächlich vier von fünf Angestellten Mister Kalabrien ernstgenommen und sogleich ganz beflissen nochmal den richtigen Weg gewiesen.

Eine Sache, die ich in Japan etwas beklemmend fand, war dieses Niedlichkeitsideal für Frauen. Viele Frauen in der Werbung und im Fernsehen wirken glattpoliert und kleinmädchenhaft. Bei Mädchen sind Fotokabinen mit „Verschönerungsfunktion“ beliebt, die auf den Fotos automatisch die Augen vergrößern, die Wangen schmälern und die Haut weichzeichnen. Damit man also noch besser ins Kindchenschema passt. Frauen sollen wohl so putzig und harmlos wie möglich daherkommen. Auf die Spitze getrieben wird das von den Kellnerinnen der Maid Cafés in Akihabara, die in ihren sexy-Dienstmädchenuniformen die Gäste naiv anhimmeln müssen. Gleichzeitig tragen viele Mädchen die Röcke ihrer Schuluniform so kurz wie es nur geht. Die Infantilisierung der Frauen kombiniert mit der Sexualisierung von Mädchen hinterlässt mir ein flaues Gefühl im Magen.

Hier geht’s zu Teil1 und Teil 2

 

Tokio erleben – Teil 2: Masse und Idyll

Das Stadtbild

Regenschirmtütenspender am Eingang des Supermarkts! Meine Güte, die Japaner denken wirklich an alles. Man steckt seinen nassen Regenschirm von oben in die bereitgehaltene schmale Plastiktüte und zieht ihn dann mitsamt der Tüte seitlich heraus, wodurch auch gleich eine weitere Tüte für den nächsten Kunden geöffnet wird. Mit diesem Regenschirmkondom kann man nun in Ruhe einkaufen, ohne den Supermarkt vollzutropfen. Das funktioniert allerdings nur deshalb, weil hier offenbar alle das gleiche Regenschirmmodell haben. Mit einem Taschenschirm hätte man in Tokio wohl ein Problem. Am Eingang  der Universität hat man eine umweltfreundlichere Lösung gefunden: da trocknet man seinen Schirm, indem man ihn durch zwei enganliegende Polster zieht.

Solche Kleinigkeiten zu entdecken, ist für mich das Spannende am Reisen. Man nimmt ja in der Fremde immer das zuerst war, was sich von zu Hause unterscheidet – selbst wenn es für die Einheimischen die selbstverständlichsten Dinge der Welt sind. Andersrum kann man auch das Besondere an der eigenen Heimat erst erkennen, wenn man sie einmal durch die Augen eines Fremden betrachtet hat. Wenn es mich erstaunt, dass man in Tokio immer gefragt wird, ob man seinen Kaffee warm oder kalt trinken möchte (nein, es war nicht Sommer),  dann sagt das ebensoviel über meine eigene Heimat (in der man Kaffee üblicherweise warm serviert bekommt) wie es über Tokio sagt. Praktisch wie die Japaner sind, halten sie für den kalten Kaffee übrigens kleine Syruppäckchen statt Zucker bereit.  Mein Blick auf Tokio und alles, was ich hier schreibe, ist also geprägt von meiner eigenen begrenzten Erfahrungswelt. Und indem ich über all diese Kleinigkeiten stolpere und sie hier aufschreibe, will ich diese Erfahrungswelt erweitern.

 

Tokio raubt mir schon am ersten Tag mit seiner unfassbaren Größe den Atem. Die gesamte Metropolregion hat 37 Millionen Einwohner. Und das sieht man auch, wenn man zum Beispiel aus einem der Hochhäuser über die Stadt schaut: sie scheint einfach kein Ende zu nehmen. Selbst als wir mit dem Zug ein Stück aus Tokio herausfuhren, haben wir kein Grün gesehen. Da waren nur Häuser an Häusern an Häusern. Aber nicht nur in der Fläche, sondern auch in der Höhe ist die Stadt mit ihren zahlreichen Wolkenkratzern imposant. Tokio ist voller Leben, zu jeder Uhrzeit. Die großen Innenstadtstraßen sind eine knallbunt blinkende Explosion der Sinneseindrücke. Von allen Seiten versuchen riesige Werbetafeln und Schriftzüge, sich mit ihren Farben gegenseitig zu überschreien. Es ist wohl Ansichtssache, ob man das als Stresshölle und absoluten Overkill empfindet, oder als anregend und belebend. Auf jeden Fall aber ist das Stadtbild ein krasser Gegensatz zu den meisten Städten Europas, wo man Schönheit in historischen Gebäuden und harmonischen Straßenzügen misst. Die meisten Tokioer Gebäude wären ohne die bunten Anzeigen wohl ziemlich hässlich und kahl, insofern sind die Reklamen definitiv ein Pluspunkt.

Doch Tokio ist keineswegs nur eine wuselige Gigantopolis. Ganz im Gegenteil: an mindestens ebenso vielen Orten findet man hier eine geradezu kleinstädtische Ruhe. So zum Beispiel dort, wo wir wohnten. Wenn durch diese Straße mal ein Auto fährt, dann nur im Schritttempo, denn hier haben die Fußgänger das Sagen. Man schlendert, schiebt sein Fahrrad, schaut sich die Auslagen der Restaurants an. In Deutschland müsste man dafür extra eine Fußgängerzone einrichten. In Japan ist das nicht nötig: hier nehmen die Verkehrsteilnehmer Rücksicht aufeinander. Am meisten aber hat mich die Musik beeindruckt. Hier stehen doch tatsächlich große Lautsprechermasten auf der Straße, die abends friedliche Melodien spielen. Oh, was muss das für eine Kultur sein, in der die musikalische Untermalung des Abends denselben Stellenwert hat wie die Straßenbeleuchtung!  Da wir es nicht gewohnt waren, dass unser Nachhauseweg einen Soundtrack hat, kamen wir uns in unserem Sträßchen vor wie in einer idyllischen Traumwelt. Und solche Orte sind in Tokio keineswegs die Ausnahme –  sie sind abseits der großen Geschäftsstraßen sogar eher die Regel. Ruhe und Besinnlichkeit findet man auch in den vielen Tempeln der Stadt – den großen und bekannten ebenso wie den vielen kleineren, die man überall entdecken kann. Manche religiöse Stätten sind nicht größer als ein Haltestellenhäuschen, eingereiht zwischen den kleinen Läden, in denen man duftendes Fleisch am Spieß kaufen kann.

Im Einkaufssträßchen Yanaka Ginza präsentiert sich die Vielfalt der Metropole mit einem entspannten Charme.

 

Es ist dieser Kontrast, der Tokio ausmacht: Megacity, Gewusel und Überdrehtheit auf der einen Seite, Dörflichkeit, Idyll und Liebe zum Detail auf der anderen. Zu den Selbstverständlichkeiten im Tokioer Stadtbild gehören auch die Automaten an jeder Straßenecke, an denen man sich Getränke und Snacks kaufen kann. Praktischerweise kann man hier mit derselben Karte bezahlen, die auch als elektronisches U-Bahnticket dient. Dies ist das Prinzip, welches diese Millionenmetropole so reibungslos am Laufen hält: man kann alles zu jeder Zeit bekommen, ohne Zeit in Kassenschlangen zu verlieren. In den Automaten gibt es zum Beispiel sowohl warmen als auch kalten Tee. Kalter ungesüßter Tee ist für den europäischen Geschmack zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, aber dann eine tolle gesunde Art, um seinen Durst zu stillen. Zunächst dachte ich, die Japaner sind vielleicht lobenswerterweise weniger zuckerabhängig als wir, aber wie erklären sich dann die vielen übersüßen amerikanischen Backwaren in den Bäckereien? Apropos Essen: Noch mehr als man in Tokio tatsächlich essen kann, kann man sich hier alle Arten von Essen anschauen, denn Plastikmodelle der Speisen finden sich im Schaufenster jedes Restaurants. Das ist wieder einmal sehr praktisch gedacht, doch mir läuft beim Anblick von Plastikessen nicht gerade das Wasser im Mund zusammen. Auch der Bestellvorgang ist in den meisten Restaurants maximal effektiv und automatisiert. Man sucht sich mit Hilfe der Plastikmodelle sein Gericht aus, tippt die Nummer in einen Automaten und zahlt dort auch. Dann kann man sich sein Essen an der Theke abholen. Viele Gerichte waren uns bisher etwas suspekt, da sie seltsames Seegetier enthielten oder ein rohes Ei auf ihnen herumschwamm. Mitunter erlebt man leider sehr fischige Überraschungen.  Dafür gibt es aber auch viele wunderbare Speisen zu entdecken, zum Beispiel Monjayaki, einen Pfannkuchen mit Gemüse und Fisch. Mein Favorit sind auf jeden Fall die Grüntee-Eiscrememochis. Die Japanische Eiscreme beweist, dass sich Lebensmittel wie Süßkartoffeln oder Bohnen nicht nur als Beilage zum Mittagessen eignen.

 

Ebenso wie ein Baum breitet sich eine Großstadt wie Tokio nicht nur über sondern auch unter der Erde aus. Ich finde ja, nirgendwo zeigt sich der Charakter einer Stadt und ihrer Einwohner eindringlich und ungeschminkt wie in der U-Bahn. Der Tokioer U-Bahnplan wirkt auf den ersten Blick erschlagend, aber dann ist es doch erstaunlich einfach, sich in diesem Gewirr zurechtzufinden. Die U-Bahnhöfe einer Linie sind durchnummeriert, so dass man jederzeit auf einen Blick erkennen kann, wie viele Stationen man noch fahren muss. In den meisten Zügen zeigt eine Leuchtanzeige genau an, wo sich der Zug gerade befindet. Einige Umsteigebahnhöfe sind zwar überwältigend groß (einmal sind wir über einen Kilometer nur innerhalb eines Bahnhofs gelaufen), doch sie sind stets hell, sauber und deutlich auch in lateinischer Schrift beschildert. Obwohl die Tokioer U-Bahn das höchste Passagieraufkommen der Welt hat, läuft alles reibungslos wie eine gut geölte Maschine. Das liegt auch daran, dass sich die Japaner im Nahverkehr meist rücksichtsvoll und höflich verhalten. Rempeleien, lautstarke Unterhaltungen oder Fahrgäste, die aneinandergeraten  habe ich hier bisher nicht erlebt. Ich muss ein wenig schmunzeln, wenn ich daran denke, wie uns als Schülern im Englischunterricht beigebracht wurde, Engländer würden sich an der Bushaltestelle brav in einer Schlange anstellen. Das trifft in England heute wohl kaum noch zu. In Tokio hingegen ist es Realität. Hier stellen sich die Menschen am Bahnsteig überall dort in einer Schlange auf, wo die Türen des Zugs erwartet werden (was man an Bodenmarkierungen erkennt). Dass es allerdings nicht immer nur höflich zugeht, lässt sich aus der Tatsache schließen, dass es wohl nötig war, auf einigen Linien zur Rush Hour „women only“ Waggons einzuführen.

Eine nette Unterhaltung beim U-Bahnfahren bieten die Poster, die auf Gefahren und richtiges Verhalten hinweisen, denn sie sind von einer geradezu befremdlichen Niedlichkeit. Japan ist ja nicht umsonst für seine Comics bekannt. Der dahintersteckende Gedanke scheint zu sein:  Wenn man die Leute schon ermahnen muss, nicht zu rennen und andere Fahrgäste nicht zu belästigen, dann kann man das ja zumindest mit ein paar süßen Tierfiguren etwas sanfter ausdrücken. Und wirken die Warnung vor Taschendieben oder die Anweisungen für den Fall eines Erdbebens nicht gleich weniger bedrohlich, wenn man sie mit knopfäugigen Comicfiguren im besten Kindchenschema illustriert? Ich muss zugeben, es fiel uns schwer, derartige Poster überhaupt ernstzunehmen.

Seitdem ich dieses Poster gesehen habe, empfinde ich Mitleid für Züge.

Ohne Frage läuft der Tokioer Nahverkehr beeindruckend glatt, doch es ist ein echtes Ärgernis, dass es so viele verschiedene private Betreiber gibt, für die man jedesmal extra bezahlen muss. Schon die U-Bahn selbst wird von zwei verschiedenen Anbietern betrieben, die sich das Netz aufteilen. Um Geld zu sparen haben wir uns nur vom größeren Betreiber eine Tageskarte gekauft und mussten dann immer aufpassen, dass wir nicht aus Versehen die Linien des anderen Betreibers benutzen. Zusätzlich gibt es in Tokio die von Japan Rail betriebenen Linien, also so etwas wie die S-Bahn. Will man zwischen U-Bahn und S-Bahn wechseln, muss man erneut bezahlen. Und das ist noch längst nicht alles, es gibt nämlich noch etliche weitere Bahnlinien privater Betreiber. So waren wir beispielsweise auf die Züge der Tokyu-Gesellschaft angewiesen. Praktischerweise kooperieren die verschiedenen Betreiber miteinander, so dass beispielsweise die Fukutoshin-Linie der U-Bahn spätabends an ihrem Endbahnhof Shibuya einfach weiterfährt und zu einer Linie der Tokyu Gesellschaft wird. Dadurch wird dann allerdings beim Aussteigen auch ein höherer Preis fällig. Es ist zwar sehr bequem, dass man bei fast allen Anbietern dasselbe elektronische Ticket nutzen kann, doch wenn man nicht aufpasst, kann man so sehr schnell sehr viel Geld loswerden.  Ein „price cap“ wie in London, wo man ab einer bestimmten Summe für den Rest des Tages nichts mehr zahlen muss, wird es in Tokio wohl aufgrund der Vielfalt der Bahngesellschaften nicht geben.

Wäre Tokio eine Maschine, dann wäre sie ein Uhrwerk aus hunderten von Zahnrädchen, das leise und gleichmäßig vor sich hinsummt. Wenn man eines über diese Stadt sagen kann, dann: Tokio funktioniert. Geschmeidig, ordentlich und reibungslos. Und das ist bei der Masse an Menschen wahrlich bemerkenswert. Das wohl bekannteste Sinnbild hierfür ist die Shibuya-Kreuzung, an der sich bei jeder Grünphase ein Schwall von Menschen auf die Straße ergießt, durcheinanderwuselt und wimmelt um dann binnen einer Minute die Straße wieder für den Autoverkehr freizumachen. Damit Tokio funktioniert, übernehmen hier alle Verantwortung. Es gibt kaum öffentliche Mülleimer? Na dann nehmen die Tokioer eben ihren Müll mit nach Hause. Hauptsache die Stadt bleibt sauber. Als wir einmal an der Eingangsschranke eines Bahnhofs ein Problem mit unserem Ticket hatten, rannten sofort zwei Männer höchst aufgeregt herbei, und ihre größte Sorge schien zu sein, dass wir den Verkehr aufhalten könnten. Dabei war die Station fast menschenleer. Wenn es in Berlin Bauarbeiten am U-Bahnhof oder auf dem Bürgersteig gibt, dann kann man sich schon glücklich schätzen, wenn das mit Absperrband gekennzeichnet ist. Einen Zettel mit einem wegweisenden Pfeil etwa betrachtet man ja hier schon als überflüssigen Luxus. Nicht so in Tokio, wo man sogar Arbeiter bezahlt, die nichts anderes zu tun haben, als sich in einem Abstand von fünf Metern zueinander hinzustellen und mit Leuchtstäben den Weg zu weisen.

Wenn ihr einen Eindruck von den Tokioer Gegensätzen bekommen wollt, schaut euch doch einmal mein Video im ersten Teil an: Teil 1: Masken und Melodien

Hier geht’s zu Teil 3

Tokio erleben – Teil 1: Masken und Melodien

Waren wir damals wirklich in Tokio, oder war es nur ein bunt blinkender Traum in einer dieser zu kurzen Nächte voll Sorge und Erschöpfung?  Zu jener Zeit steckten wir in einem extrem anstrengenden Lebensabschnitt, der kein Innehalten und kein Nachdenken zuließ. Den Flug nach Tokio hatten wir erst zwei Tage zuvor gebucht und gleich nach unserer Rückkehr hatten wir auch schon wieder ganz andere Sorgen. So maße ich mir nicht an, die Stadt wirklich beschreiben zu können. Ich kann nur einige meiner Eindrücke zusammenfassen – so surreal und verworren sie sich mir in dieser einen Woche entgegengeworfen haben.

 

Die chirurgischen Masken

Oh Gott, ist hier etwa eine Seuche ausgebrochen? Natürlich nicht, und ich wusste ja auch vorher, dass es in Japan völlig normal ist, in der Öffentlichkeit einen Mundschutz zu tragen. Dennoch kann ich mich eines beklemmenden Gefühls nicht erwehren. Meinem Unterbewusstsein signalisieren die Masken: Krankenhaus, Notfall, Gefahr. Damit tragen sie für mich mehr zum Gefühl von Fremdheit bei als etwa die japanischen Schriftzeichen auf den Schildern. „Ich fühle mich wie beim Zahnarzt“ sagte Mister Kalabrien, als wir zum ersten Mal mit einem Maskenmann im Aufzug standen. Angeblich tragen die Japaner den Mundschutz, um ihre Mitmenschen nicht anzustecken, wenn sie erkältet sind. Wenn aber tatsächlich alle Leute mit Mundschutz krank wären, dann würde das allein schon die Wirkungslosigkeit der Maßnahme bezeugen, denn man sieht so viele von ihnen. Wahrscheinlich tragen viele die Maske auch nur zur Vorbeugung. Eine Maske im Gesicht zu haben ist hier so normal wie eine Brille auf der Nase. Es hält niemanden davon ab, mit seinen Freunden zu lachen oder seinem Partner zu turteln. Bei uns würde man ja sofort denken, derjenige sei aus dem Krankenhaus geflohen. Eine Studie schottischer Wissenschaftlern hat gezeigt, dass Asiaten die Mimik ihres Gegenübers hauptsächlich anhand der Augenpartie deuten, während Europäer größeren Wert auf den Mund legen. Das würde erklären, warum es die Japaner offenbar kaum stört, mit Mundschutz zu kommunizieren, während ich immer das Gefühl hatte, da stehe eine Wand zwischen mir und meinem Gegenüber, wenn ich irgendwo mit einem mundschutztragenden Mitarbeiter sprechen musste.

 

Die Klänge

Tokio ist die Stadt der Klänge. Musik, Melodien und geheimnisvolle Töne begleiten hier jeden Schritt und verleihen dem Leben eine träumerische Dimension. Es ist wie im Kino, wo noch die banalste Szene durch die Filmmusik bedeutungsschwer und emotional aufgeladen wird. Das ist auch einer der Gründe, weshalb sich Tokio am Anfang so surreal anfühlt. Am auffälligsten sind wohl die Abfahrtsmelodien an vielen Bahnhöfen und U-Bahnhöfen. Zuerst dachte ich, die Melodien werden gespielt, damit man seine Station nicht verpasst. Wenn man sich die Melodie der eigenen Station einprägt, dann hat sie vielleicht eines Tages dieselbe aufschreckende Wirkung, als wenn man im Stimmgewirr plötzlich seinen Namen hört. Aber mit meiner schönen Idee lag ich wohl falsch, denn die Melodien kündigen schlicht die Abfahrt des Zuges an. Jede Station hat eine andere Melodie, oder auch zwei, für die verschiedenen Richtungen oder Linien. Mein Favorit sind die melancholischen Melodien der Station Kamata. Wenn man dann tief im steinernen Labyrinth eines Bahnhofs seiner Wege geht, dann kann es vorkommen, dass man plötzlich Vögel zwitschern oder einen Kuckuck rufen hört.  Ich nehme an, das ist ein Code für Sehbehinderte, denn das Zwitschern konnte ich nur auf Treppen und den Kuckuck bei Rolltreppen hören. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass die Naturgeräusche sicher auch eine beruhigende Wirkung auf den gestressten Großstädter bei seiner täglichen Hatz durch die Betonwelt haben.  Auch die Ampeltöne sind in Tokio an die Natur angelehnt. Hier geben die Ampeln keine neutralen Klopfgeräusche von sich wie in Berlin – nein, hier tschirpen sie wie ein verlassenes Vogeljunge, das nach seiner Mutter ruft. (In manchen Fällen ist es auch ein Kuckuksruf). Dieser Ton ist ein so allgegenwärtiger Begleiter auf allen Straßen, dass er zu einem Teil des Tokiogefühls wird. Der Gipfel der Tokioer Klangwelt ist aber, dass hier in vielen Straßen über große Lautsprecher abends Musik gespielt wird. Dazu später mehr. Nachdem ich aus Tokio zurückgekehrt war fühlte sich in Berlin die Stille –vor allem in der U-Bahn – plötzlich so greifbar an. In Berlin finde ich diese Ruhe wohltuend. Hier kann ich tief in mich versinken, wohingegen in Tokio die Außenwelt durch ihre Melodien und Geräusche immerzu in mich eindringt und den Takt meiner Gedanken vorgibt. Dabei ist die Klangkulisse aber stets unaufdringlich, sanft und geschmeidig. (Das gilt allerdings nicht für die Lautheit der Shibuyakreuzung, an der drei riesige Werbebildschirme ihre Clips abspielen. Aber dafür ist die Kreuzung ja auch bekannt.)

Hier bekommt ihr einen Eindruck vom typischen Tokiosound:

Und hier geht’s zu Teil 2: Masse und Idyll