Irasshaimase! Lebensmittel einkaufen in Japan

Lebensmittel einzukaufen kann eine lästige Alltagspflicht sein, aber es ist auch eine wunderbare Gelegenheit, etwas über das Lebensgefühl und die Mentalität eines Landes zu lernen. Das fängt in Japan schon an, bevor man ein Geschäft überhaupt betreten hat. Denn noch während man die Türschwelle überschreitet, wird man schon mit einem schallenden „Irasshaimase!“ begrüßt. Und dabei soll es nicht bleiben. Während man in deutschen Supermärkten unbehelligt durch die Gänge streifen und seine Einkaufsliste abarbeiten kann, agieren die japanischen Supermarktmitarbeiter als eine Art Bewegungsmelder. Selbst wenn sie gerade mit dem Rücken zu dir Regale einräumen, rufen sie zuverlässig „Irasshaimase“ aus, sobald du dich ihnen auch nur näherst. Dabei und auch bei den anderen Höflichkeitsphrasen in ihrem Repertoire, ziehen sie gerne die Vokale am Ende so lang, dass man sich wie zwischen den Marktschreiern auf einem orientalischen Gemüsemarkt vorkommt: „Irasshaimaseeeeee“, „Arigatou gozaimaaaaaaasu“. Hereinspaziert, willkommen in Japan!

roter Korb vor dem Bezahlen – grüner Korb danach

 

Im allgegenwärtigen „Irasshaimase!“ lassen sich zwei japanische Eigenheiten erkennen: die Normierung der Abläufe und die Dienstleistungsbereitschaft. So wie der Ausruf „Irasshaimase!“ für viele Verkäufer kaum mehr als ein sinnentleerter Reflex ist (die Armen müssen das aber bestimmt auch hunderte Male am Tag sagen) folgen sie auch sonst der immergleichen Routine. Wehe, man will zum Beispiel dem Verkäufer das Geld direkt in die Hand geben, statt es ins bereitstehende Schälchen zu legen, oder man legt seine Einkäufe direkt an die Kasse statt sie, wie hier üblich, im Einkaufskorb zu belassen. Als wir das taten, machte sich der Verkäufer tatsächlich die Mühe, all unsere Einkäufe wieder in den Korb zurückzuräumen, nur um sie dann zum Einscannen doch wieder aus dem Korb herauszunehmen. Regeln sind eben Regeln in Japan. (Oder war das etwa als Erziehungsmaßname für uns gedacht?) In Deutschland läuft der Bezahlvorgang an der Kasse ja meist so ab: man legt seine Einkäufe aufs Kassenband, der Verkäufer zieht sie über den Scanner, und dann muss man in größter Eile alles einpacken, während schon die Einkäufe des nächsten Kunden angekullert kommen. Wenn man nicht schnell genug ist, verursacht man einen Stau. In den meisten japanischen Supermärkten kann das nicht passieren. Hier stellt man einfach seinen gefüllten Einkaufskorb an die Kasse, dann nimmt der Verkäufer nacheinander jedes Produkt heraus, scannt es, und räumt es in einen zweiten Einkaufskorb wieder ein. Mit diesem Korb geht man dann zum Einpackbereich, wo man ganz in Ruhe seine Einkäufe in Tüten und Taschen verstauen kann. Für die Verkäufer bedeutet das allerdings, stets im Stehen kassieren zu müssen. Aber die Bequemlichkeit der Angestellten zählt hier eben weniger als das Ziel, möglichst viele Kunden schnell und reibungslos abzufertigen. Tatsächlich muss man als Kunde an der Kasse selten lange warten. Typisch japanisch ist dieses System bis ins Detail durchorganisiert: Oft haben die Körbe, mit denen man einkauft, eine andere Farbe als diejenigen, in welche die bezahlten Waren gelegt werden. Die Einkaufswagen sind so konstruiert, dass sie man sie zusammen mit einem Korb benutzen muss, so dass kein Kunde ohne Korb an der Kasse ankommt. Sich etwas zu essen zu besorgen kann kaum bequemer sein als in Tokio – von den unfassbaren Preisen für Obst einmal abgesehen. Wenn der Hunger drängt, findet man in fast jedem Supermarkt eine große Abteilung mit frischen Snacks wie zum Beispiel frittiertem Fisch, die man sich gleich im Geschäft in einer Mikrowelle selbst erwärmen kann. Noch bequemer kann man sich im nächsten Konbini etwas Essbares holen. Selbst in der abgelegensten Gegend findet man an jeder Straßenecke diese moderne japanische Version des Tante-Emma-Lädchens – und meist haben sie sogar 24 Stunden am Tag geöffnet. Wasser, Limonade, Tee und Kaffee kann man sich außerdem auch ganz unkompliziert an den Getränkeautomaten holen, die nie mehr als ein paar Schritte entfernt sind. In meinem ersten Artikel hatte ich Tokio als gut geölte Maschine beschrieben und das zeigt sich auch beim Einkaufen. Alles ist hier darauf ausgelegt, eine dicht konzentrierte Millionenbevölkerung jederzeit möglichst effektiv zu versorgen.

frische Snacks im Supermarkt

Auch in den Konbinis rufen die Verkäufer jedem Kunden ihr automatisiertes „Irasshaimaseeeee“ entgegen, auf das sie nur selten eine Antwort erhalten. Für mich fühlt sich es sich sehr komisch an, auf eine Begrüßung nicht zurückzugrüßen. Allerdings wird dadurch umso mehr die Rolle der Verkäufer als Dienstleister betont. In Berlin sollten Verkäufer zwar im Idealfall auch hilfsbereit und freundlich auftreten, aber sie müssen sich dafür nicht gleich eine zweite Persönlichkeit zulegen. Wenn du eine Frage hast, dann helfen sie dir, weil das eben ihr Job ist, bleiben dabei aber meist ganz entspannt, so als würden sie einem Freund helfen. In Japan hingegen brechen Verkäufer auf eine Frage hin bisweilen in hektischen Aktionismus aus und setzen den ganzen Laden in Bewegung, während sie wortreich ihr Bemühen oder Bedauern beteuern. Bestimmt hat das auch damit zu tun, dass sie uns Ausländern gegenüber einerseits besonders gastfreundlich sein wollen und andererseits schon bei dem Gedanken daran, dass wir sie auf Englisch ansprechen könnten, in Panik verfallen. Doch auch abgesehen vom Gaijin-Faktor treten Dienstleister in Japan um ein vielfaches ehrerbietiger auf als in Deutschland. Als ein Mitarbeiter der Stromgesellschaft unseren Sicherungskasten überprüfen musste, entschuldigte er sich dabei so oft und so ausdrucksvoll für die Störung, dass ich ihn schon beinahe trösten wollte. Was für ein Kontrast zu Berlin, wo sie dir gerne mal mit Straßenschuhen über den Teppich laufen, während sie in ihr Handy brüllen. Das Bemühen der japanischen Verkäufer zeigt sich oft in Details. Einmal standen Mister Kalabrien und ich in einem Gitarrenladen und unterhielten uns, während wir darauf warteten, dass der Verkäufer hinten im Laden die Papiere für unseren Kauf fertig machte. Dafür brauchte er offenbar das Preisschild der Gitarre, die nun neben uns stand. Also kam er zurück,  ging in die Knie, schlich sich vorsichtig an wie eine Katze und griff beinahe wie in Zeitlupe das Preisschild, indem er seinen Arm so weit ausstreckte, wie es nur ging. All die Akrobatik, um bloß unser Gespräch nicht zu unterbrechen. Als ich hingegen zuletzt in Berlin bei der Bank war, fing der Bankmitarbeiter beim Eingeben meiner Daten plötzlich an, lautstark mit sich selbst zu schimpfen: „Schon wieder vertippt! Mensch, det jibts doch janich!! Bin ick denn heute behämmert oder was?“ So eine Szene wäre in Japan kaum vorstellbar, denn hier darfst du als Dienstleister um keinen Preis aus deiner Rolle fallen. In Deutschland ist es auch durchaus üblich, dass Kunden und Verkäufer an der Supermarktkasse einen Scherz oder eine flapsige Bemerkung austauschen. In Japan konnte ich so etwas bisher nicht beobachten. Hier weiß ich immer schon im Voraus, was der Verkäufer als nächstes sagen wird, denn es ist immer dasselbe Lied. Vermutlich trägt auch die japanische Sprache ihren Teil zu dieser Dienstleistungskultur bei. Dadurch, dass es eine eigene Höflichkeitssprache mit besonderen Verbformen, Präfixen und Suffixen gibt, wird die Unterscheidung zwischen öffentlichem Ich und privatem Ich noch verstärkt. Die Höflichkeitssprache ist wie das Kostüm, das ein Schauspieler sich überzieht, um in seine Rolle zu schlüpfen –  die Rolle des Dienstleisters. Wie befreiend es sich wohl anfühlen muss, diese Rolle nach Feierabend wieder abzustreifen? Was man beim Einkaufen beobachtet, lässt sich in gewissem Maße auch auf die japanische Gesellschaft im Allgemeinen übertragen. Generell scheint man sich in Japan gerne an Routine und Regeln zu halten. Die Dinge so zu machen, wie alle anderen sie machen und wie sie schon immer gemacht wurden, verleiht den Japanern ein Gefühl von Sicherheit. Und auch wenn sie nicht gerade im Kundenservice arbeiten, zeigen sie sich meist in der Öffentlichkeit als perfektes Muster an Höflichkeit und Hilfsbereitschaft, wobei sie nur ungern ihre Persönlichkeit oder ihre wahre Meinung durchblitzen lassen. Reibung ist unbedingt zu vermeiden. Deshalb funktioniert Japan reibungslos – im Positiven wie im Negativen.

 

Wie erlebt ihr das Einkaufen in Japan? Was findet ihr besser als in Deutschland, was findet ihr schwierig oder seltsam? Schreibt es mir in einem Kommentar!